Möbel mit Geschichte

von nunette

Ich mag es, wenn Möbel eine Geschichte haben. Immer wieder denke ich drüber nach, wo wohl mein großer Esstisch, den ich billig aus dem Auktionshaus habe und der an allen Ecken und Kanten schon komplett abgeschlagen ist, früher mal gestanden ist. Oder welche Stationen mein Küchenkasten aus den Dreißigern, der laut Metallplakette im 18. Bezirk in Wien produziert wurde, den ich aber aus dem Weinviertel wieder in die Stadt gebracht habe, so durchgemacht hat.

Meine Lieblingsgeschichten sind jedoch die, bei denen ich die Beteiligten kenne. Daher sind die wichtigsten Möbel bei mir zuhause die Tische.

Vom Papa-Opa / (c) nunette colour

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Dieser Tisch, auf dem derzeit mein Freund geistig werkelt, stand früher in der Kabelfirma meines Großvaters väterlicherseits und diente dort der Sekretärin als Schreibmaschinentisch. Nachdem er mehrere Jahre bei meinen Eltern in Keller verbrachte, nahm ihn mein Bruder sich in sein Zimmer. Mein allererster Schreibtisch war ähnlich, ebenso aus Opas Firma, nur heller und etwas größer. Er steht heute noch in meinem alten Zimmer bei den Eltern. Der dünklere wanderte nach dem Auszug meines Bruders wieder im Keller – bis ich ihn entdeckte und zu mir holte. Am liebsten mag ich die kleinen Bohrlöcher an der Seite, wo die Schreibtischlampe angebracht war. Er hat mich nun bereits in meine dritte Wohnung begleitet und findet dank seiner geringen Größe immer wieder irgendwo Platz. Neudörfler Büromöbel waren damals wie heute eben ein Inbegriff für Qualität. Mein Opa starb, als ich vier war, und ich habe nur wenige Erinnerungen an ihn. Der Tisch lässt ihn mich aber nie vergessen, so blöd das klingt.

Vom Mama-Opa / (c) nunette colour

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Dieser Tisch hat eine ganz eigene Geschichte. Mein Opa mütterlicherseits, 95 und geistig fit wie ein Turnschuh, war früher Arzt. 41 Jahre lang ordinierte er in einem kleinen Ort in Niederösterreich, ein Raum in der Wohnung, in der meine Großeltern heute noch wohnen. Die Ordination ist seit dem Jahr meiner Geburt, damals ging er nämlich in Pension, ein Mittelding aus Abstellkammer, Lagerraum, Wäschezimmer und immer noch Ordination. In meiner Kindheit drückte ich mir immer die Nase an seinem alten Instrumentenkasten platt – ein wunderschöner alter Metallschrank/Glasvitrine, in der immer noch fast all seine Instrumente lagerten (bis auf die, die er nach dem Unglück von Tschernobyl in die Ukraine geschickt hatte, der gute Mann). Diesen Kasten wollte ich vor einiger Zeit unbedingt haben, doch meine mir ohnedies nur in Grenzen sympathische Tante machte mir einen Strich durch die Rechnung, sie behauptete, ihr wäre der Kasten schon lange versprochen gewesen (sie hat ihn übrigens vor kurzem verschenkt….). Mein Großvater bot mir stattdessen den Schreibtisch an. Zu Beginn war ich wenig begeistert – doch der Gedanke, einen schönen Vollholztisch mit viel Stauraum zu haben, der noch dazu meinem Großvater 41 Jahre lang gedient hatte – der hatte was. Ich liebe meinen Großvater sehr – und an diesem Tisch verbrachte er viel Zeit, er war (und ist irgendwie immer noch) mit Leib und Seele Arzt. Der Tisch wird immer mit ihm verbunden sein – auch wenn er jetzt mein wenig medizinisches Chaos beheimatet.